Das Stück erzählt in Alexandrinern (diesen Versen mit 12 Füßen) von Alcestes unglücklicher Liebe zu Célimène. Molière hinterfragt hier das Spannungsfeld zwischen dem Ideal der Authentizität und dem Anspruch auf soziale Konformität. Alceste, Sprachrohr einer schonungslosen und kompromisslosen Wahrheit, scheint von den menschlichen Realitäten abgekoppelt zu sein. Célimène hingegen, eine weibliche Figur, die ihrer Zeit weit voraus ist, verkörpert eine Gesellschaft des Scheins, in der Leichtigkeit, Strategie und Anpassungsfähigkeit zum Überleben notwendig sind. Doch das Stück geht über diese beiden Figuren hinaus; es entfaltet eine scharfsinnige Kritik an den sozialen Beziehungen in einer Welt, die von Äußerlichkeiten und Heuchelei geprägt ist. Gestern der Hof, heute Instagram. Der Autor untersucht darin die Heuchelei der Gesellschaft, das Streben nach Anerkennung, Machtspiele und die schwierige Vereinbarkeit von moralischen Ansprüchen und dem Leben in der Gemeinschaft.
Vier Jahrhunderte später hallen Molières Alexandriner mit beissender und klarer Ironie nach. In dieser scharfsinnigen Neuinterpretation beleuchtet Anne Schwaller die Widersprüche unserer Zeit: Zwischen dem Bedürfnis nach Wahrheit und der Tyrannei der Transparenz, dem Streben nach Aufrichtigkeit und sozialer Künstlichkeit erhält „Der Menschenfeind“ eine frappierende Modernität.
Zusätzliche Info: Publikumsgespräch nach der Vorstellung am 11. März.